Aus gegebenem Anlass hat sich eine meiner ehemaligen Mitschülerinnen darüber beschwert, dass sie aufgrund eines erneuten Schienensuizids zu spät kommt. Wohin ist mir egal – zur Arbeit, nach Hause, zur Hochzeit, zum Abendessen… Die Organisation sah folgendermaßen aus: Ein Bus anstelle einer Bahn. Da passen natürlich nicht so viele Leute rein. Dumm gelaufen, Deutsche Bahn hat schlecht organisiert.
Hier wird sich also lautstark darüber beschwert, dass man zu spät irgendwohin kommt, und dass die Organisation so scheiße ist – warum wirft sich auch wieder ein Idiot vor den Zug,häh?
Jetzt ist Köpfchen gefragt, liebe Leute.
Diese Menschen sind psychisch krank. Sehr krank. Das ist anders als ne Erkältung, die nach ner Woche wieder weg ist. Diese Verzweiflung baut sich in den meisten Fällen über Jahre, sogar Jahrzehnte auf. Viele dieser Menschen haben bereits andere Wege gesucht, sich das Leben zu nehmen und kommen nun aus unterschiedlichen Gründen zu dem Schluss, dass der Schienensuizid der ist, den sie wählen müssen. Da ich selbst in dieser Situation und kurz davor war, kann ich sagen: Ich dachte an andere Menschen, an den Zugführer und – oh ja! – ich dachte auch an die Vollidioten, die sich nur über ne Verspätung und zu volle Busse aufregen. Aber wenn man so krank, so lebensmüde ist, dann wiegt das nicht mehr so viel. Dann ist die Objektivität verloren.
So.
Nun geschieht es. Die Durchsage ertönt und Verspätungen von bis zu mehreren Stunden können sich ergeben. Bahnen fallen aus, eingesetzte Busse sind überfüllt. Man kommt viel zu spät. Aber man sollte davon ausgehen, dass die Menschen, die jetzt zur Arbeit oder sonstwohin fahren, zumindest noch ein Stück weit gesünder sind, als der, der sich grade umgebracht hat (das sage ich bewusst so, weil es viele psychisch kranke Menschen gibt, die sich ihrer Krankheit gar nicht bewusst sind). Sie sollten also dazu in der Lage sein, zu erkennen, dass sich jemand umgebracht hat, weil es ihm ungeheuer schlecht ging und er keine Möglichkeit hatte, objektiv zu handeln. Also handelt doch objektiv, zeigt Respekt vor psychischen Krankheiten und deren Auswirkungen. Ein Mensch ist gestorben und hat für seinen Tod in Kauf genommen, dass beim Zugführer und weiteren beteiligten Menschen ein Trauma entstehen könnte. Diese Menschen sind nicht gleich respektlos und dumm. Also seid ihr es bitte auch nicht und denkt mal nach.
Dazu muß ich jetzt aber auch mal was sagen!
Vor einigen Monaten hat sich ein Arbeitskollege vor nen Zug geworfen. Grund: Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadion. Der Mann muß unvorstellbare Schmerzen gehabt haben und hätte wohl eh nur noch paar Wochen oder vielleicht Monate zu leben gehabt. Und ein Großteil der Leute, die vom Zug überfahren werden, machen das nicht mal freiwillig. Abkürzung durchs Gleisbett, besoffen, von jemanden geschubst,…
Die psychisch Kranken unternehmen eher Selbstmord-Versuche als so entgültige Sachen wie nen Zug. Man merkt recht schnell, wer nur Aufmerksamkeit will und wer sich wirklich umbringen will.
Und mal die andere Seite der Medaille: Wer sich umbringen möchte, der kann das auch alleine machen! Bei der Variante “Vor den Zug werfen” werden so viele unbeteiligte mit reingezogen und auch gefährdet (Frau steht mit nem Baby aufm Arm im Zug und der macht ne Vollbremsung…), das ist doch nicht nötig! Ne frühere Bekannte hat sich z.B. von nem Hochhaus gestürzt (die hat das Studium nicht geschafft).
Auch du übergehst die fehlende Objektivität
“kann man auch alleine machen!” – wie ich schon schrieb. Viele haben das vorher schon versucht. Und denen sind die Folgen ganz sicherlich auch nicht (immer) egal.
Aber Recht hast du – häufig hat das ganze nichts damit zu tun, dass man den Tod selbst wählt. Dein Arbeitskollege jedoch war auch psychisch krank. Ausgelöst durch physische Krankheit.
Also wenn man mit Schmerzen kurz vorm Tod steht und dann lieber den kurzen Weg wählt, dann würde ich das nicht psychisch krank nennen!
Was soll man denn auch sonst machen? Sterbehilfe ist hier ja nicht erlaubt.
In den meisten Fällen ist das nicht entschieden, in dem man sich denkt “Wegsterben dauert mir zu lange, da nehm ich lieber den kurzen Weg”, sondern weil diese Menschen sehr darunter leiden, dass es lange dauert und verzweifelt sind. Dann ist der Suizid auf jedenfall psychisch und nicht physisch bedingt